Vom Verkehr

 

Im Zentrum von Thun, an der Kreuzgasse oberhalb der Sinnebrücke, gibt es viel Verkehr. Die Kurve ist eng und unübersichtlich – der Verkehr hat dort keinen Raum. Trotzdem – der Verkehr fliesst, trotz den roten Ampeln.

Wer kennt sie nicht die Thuner Kreuzgasse, eng und saugefährlich – ein „Irgendjemand“ hat auf der Innenseite der Strasse provisorische Warnsignale aufgestellt damit  wohl den Fussgängern ab Schuhnummer 39 die Zehen nicht abgefahren werden.

Dieses alte Zentrum von Thun ist heute ein Flaschenhals und in einem solchen wird gewürgt; ca. 10‘000 Fahrzeuge quälen sich täglich die Strasse rauf und runter – ein jedes mit der „Option, dabei auf einen Fussgänger zu treffen…“. Schon vor Jahrzehnten hatte am unteren Ende der Brücke ein Schild gestanden auf welchem stand: „Schonet die Tiere“ – gemeint waren nicht Politiker sondern die Zugtiere, welche die schweren Wagen den Stutz zum „Louitor“ hochzogen.

An der Kreuzgasse, welche nicht eigentlich eine Kreuzung ist, kommt der Verkehr dank dem roten Licht in Schwung und zeitgleich zum Erliegen. Verschiedene rote Lichter steuern das Leben an dieser Kreuzung. Die vielseitige Verwendung des roten Lichtes auf so engem Raum kann zu Konfusion führen. Welches Licht gilt nun für welchen Verkehr? Zu lange wird auf das rote Licht gestarrt und daher nicht gefahren. Ist diese Lichterkonfusion die mögliche Ursache für unseren Verkehrstau in der Innenstadt?

Wer es noch nicht gemerkt haben sollte, Thun hat ein Verkehrsproblem. Bei beiden Sorten des Verkehrs ist es eine Illusion daran zu glauben, diesen Verkehr verbieten zu können. Unsere Gesellschaft ist auf beide Formen – der Faulheit und der fehlenden Moral wegen – eingestellt. Im einen Fall scheint es ein nicht wegzudenkendes Grundbedürfnis zu sein, im anderen Fall wird der fahrende Verkehr zunehmen, was zu einer höheren Verdichtung desselben führt. Es werden mehr Fahrzeuge werden – diese werden einfach nicht so stinken wie die heutigen Blechkäfer.

Wo liegt die Lösung? Diese liegt in der Lenkung und der bewussten Organisation – wer hier verbieten will, läuft auf. Im vorliegenden Fall der Kreuzgasse ist die Menge des Verkehrsaufkommens scha(n)dhaft für den Ort. Beide schaden Thuns Image und damit der positiven nachhaltigen Entwicklung. In der Politik gibt es immer 1000 Gründe, um „nein“ zu sagen und ein Problem nicht lösen zu wollen. Irgendwann bezahlt man dann aber die Zeche für das offensichtliche Wegschauen (Viehmarktplatz? Vaporama? …). Auch an der Kreuzgasse sind wir gleich soweit, da das Thema so richtig zu schmerzen beginnt.

Es ist bisweilen ein bekanntes Schema des passiven politischen Verhaltens, dass man Dinge gegen die Wand laufen lässt. Wenn es dann geknallt hat, ist dann „das Handeln müssen“ eine Pflicht und entlastet damit die einzelnen Politiker vom zu erwartenden Vorausdenken.

Die Kreuzgasse bedarf einer Korrektur. Nebst der grundsätzlichen Zielsetzung, welchen Charme und welchen Charakter diese Stadtecke aufweisen sollte, müsste doch daraus der Entscheid folgen, ob man  am Verkehr oder an den Häusern korrigieren will. Ich bin klar der Meinung, dass die Lösung in der Verkehrslenkung oder sogar im Verbot des privaten motorisierten Verkehrs an diesem Ort liegt – dies gäbe unter anderem die Chance zurück, das Stadttor an der Lauenen wieder aufzubauen. Wege sind möglich – man müsste sich einfach einmal getrauen. Nur etwas Mut – die nächsten Wahlen sind ja erst in vier Jahren.

Auch der Verkehr im Rotlicht-Milieu lässt sich nicht wegdenken. Ca. knapp ein Promille einer Stadt bietet Dienstleistungen in diesem Gewerbszeig an. Gehen wir doch einmal von 35 Personen für den Raum Thun aus. Bei einem durchschnittlichen Tagesumsatz von ca. Fr. 1‘700.-  bis Fr. 2‘000.- pro Person wir da ein Monatsumsatz von Fr. 2.0 Mio. erzeugt, was in einem Jahresumsatz von ca. Fr. 24 Mio. gipfelt. Mit einem solch potenten Wirtschaftszweig wäre doch sicher einmal das Gespräch interessant – entspricht doch der Umsatz dieser Branche im Raum Thun gerade einmal 10% des Finanz-Umsatzes unserer Stadt. Ganze leise stelle ich hier die Frage nach den Steuerabgaben dieses Gewerbes? Welches andere Thuner Gewerbe ist auch noch steuerlich befreit? MwSt? … dieser Umstand wäre doch mehr als Legitimation genug, um auf diese Betriebe und deren Hauseigentümer Einfluss zu nehmen? Grosser Umsatz, keine Steuern und schon gar nicht im Besitz einer Bewilligung für das Aufstellen einer roten Verkehrsampel entlang einer Hauptverkehrsachse. Auch hier - Wege sind möglich – man müsste sich einfach einmal getrauen.

Seien wir doch zuversichtlich – am heutigen Wochenende wird gewählt – hoffen wir doch inständig, Personen in der neuen Thuner Führung zu kennen, welche bereit sind – auch heikle Verkehrsprobleme anzusprechen und zu lösen – auch wenn es darum geht, einige rote Glühbirnen aus der schmucken Oberen Hauptgasse zu entfernen.

Gönnen Sie sich die Zeit, halten sie Inne auf der Sinnebrücke und beobachten Sie die trötenden Blechkäfer mit den fuchtelnden Piloten, die verzweifelten Mütter, welche im letzten Moment den Kinderwagen zur Seite zeihen, die verirrten Touristen welche entlang der schützenden Häuserfassaden Deckung suchen, als wären sie Teilnehmer am Stiertreiben durch die Gassen von Pamplona … und das Ganze unter einem zärtlichen rot-leuchtenden Lichterhimmel.

Das Schild aus den alten Zeiten auf welchem stand; „Schonet die Tiere“ müsste heute umgeschrieben werden in; „Schonet die Menschen“.

Ein freier Gedanke zum Schluss; Geben wir doch dem Verkehrstreiben mit einer Idee den Ansatz zum Gegensteuer: In Thun gab es schon einmal ein Brügglifest - warum gönnen wir uns nicht zweimal im Jahr – einfach so als Versuch – das Sinnebrügglifest. Erklären die Sinnebrücke als „Verkehrsfrei“ um uns der wirklichen Lebensqualitäten an diesem Ort zu besinnen. Anlässlich dieser Veranstaltung könnte ich es mir dann nicht verkneifen, Steinschleudern zu verschenken um auf rote Ampeln zu schiessen. Hätten Sie auch gerne eine Steinschleuder, respektive wären nicht auch Sie für ein Sinnebrügglifest zu begeistern?

 

Matthias Zellweger