Trallalla
Leben wir nicht in der Zeit, da wollen alle miteinander so nett sein, aufeinander aufpassen und zueinander Sorge tragen? Lieber übervorsichtig abwägen und vor allem: ja nicht entscheiden und erst recht nicht selber entscheiden. Gegenwärtig sprechen wir denn auch vom Angsthasenzeitalter.
Solche Angsthasen sind speziell dort anzutreffen, wo kein wirtschaftlicher Druck vorhanden ist und keine Konsequenzen aus Fehlverhalten geahndet werden.
Diese Tierart ist aber nicht nur in der Politik und Verwaltungsstruktur existent sondern auch in der breiten Gesellschaft vertreten. Wird eine neue Idee an die Öffentlichkeit getragen, geht es „kaum bis zum Sonnenaufgang“ und schon sind sie wieder da, die Angsthasen und Heckenschützen der Gesellschaft, die lauthals Kritik aus der Deckung üben. So kommen wir ja wirklich nirgends hin. Man kann es ja nie nur ansatzweise recht machen. Immer hat einer „den Latz offen“ und wirkt zerstörerisch, indem er nicht fundierte Halbwahrheiten aktiv weitererzählt.
Thun hebt als Versuch verschiedene Fussgängerstreifen auf und führt die „blaue Welle“ ein. Wie lange ist es gegangen, bis die Sache vorverurteilt wurde? Ich persönlich finde die Sache super! Nicht den Lösungsansatz selber, über diesen werde ich mir in ein paar Monaten ein Bild und Urteil machen können. Super finde ich, dass man, weil man sonst nicht mehr weiterkommt etwas ausprobiert. Lassen wir doch diesen Versuch zu. Ich gehe davon aus, dass die Stadt haargenau weiss, was Sie testen will. Versuchen ohne zu wissen was man messen will, wäre dagegen unprofessionell und zu verurteilen. Versuche haben übrigens auch einen Anfang und ein Messende. Sind wir also positiv kritisch gespannt, wann dieser Versuch abgeschlossen sein wird und wie die Messresultate lauten.
Versuche dürfen übrigens auch scheitern, hierzu sind sie ja u.a. auch da. Sollte das Experiment mit den Wellen scheitern, bleibt wenigstens die spassige Erinnerung daran, das Thun einst den Ordnungshütern einen Strassenabschnitt zur Verfügung stellte, bei welchem jeder noch so Vollbesoffene den Linientest im Prüfungsfall bestand.
Gegenüber Veränderungen offen zu sein ist genauso wichtig, wie mit Versuchen dem Unbekannten eine Chance zu geben. Etwas zu versuchen hat auch mit der Lebenseinstellung zu tun. Wer immer nur davon spricht, dass es unmöglich sei oder wer nicht entscheidet, ist ein Angsthase. Lieber Experimentieren statt jahrelang zu Lamentieren. Das vom Lamentieren kennen wir zur Genüge: es wird langweilig und für uns Steuerzahler langsam aber sicher zu teuer.
Zu oft wird in der heutigen „Trallalla-seid-nett-zueinander-Zeit“ das Wort „Kommunizieren“ mit dem Wort „Führen“ verwechselt. Wie oft wird auf Kritik in den Hasenstall darauf hingewiesen, „dass man das Problem erkannt habe und man eben besser kommunizieren müsse“. Es ist halt so, desto weniger und schnell entschieden wird, desto höher ist der darauffolgende Kommunikationsbedarf, um den entstandenen Schaden zu minimieren. Wenn nicht entschieden wird, kann auch nicht geführt werden. Führen heisst entscheiden. Das ist sehr oft auch äusserst unangenehm.
Wenn wir mit der „blauen Welle“ in der Stadt doch schon beim Verkehr und dessen Stau sind;
Versuch Nr. 2: Sperren wir doch das obere Bälliz und übergeben dies endlich den Fussgängern.
Versuch Nr. 3: sperren wir die Sinnebrücke für grosse Fahrzeuge und deblockieren damit die scharfe Ecke.
Apropos scharfe Ecke;
„Verkehrs“-Versuch Nr. 4: verlegen wir doch den nächtlichen Nuttenstrich von der Seestrasse an die Allmendstrasse. Heute befindet sich der Strich mitten in der Stadt, in einem Wohnquartier und ab September parallel zum neuen Uferweg. Viel Verkehr zu Nachtzeiten und Kondome in privaten Gärten – das ist unanständig, unschön und peinlich für eine Stadt, dies in dieser Form zu dulden. Aber eben, wir leben in einer „Trallalla-seid-nett-zueinander-Zeit“. Ja, lieber nett sein und dafür Schweinereien tolerieren? Vielleicht folgt auf die „blaue Welle“ nun die „rote Hütchen-Tütchen-Welle“ als Bezeichnung jenes Strassenabschnitts, welches dem scheinbar unabdinglichen Strassenstrich zur Verfügung stehen soll. Für das graphische Muster der Strassenbemalung wird nach der „blauen Welle“ die Strasseneigentümerin sicher einen Mal-Wettbewerb ausschreiben und die Kulturabteilung als Jury einsetzen. Das wär doch was?
Matthias Zellweger