Strandbadabi

Wer kennt es nicht – die Hosentasche vor dem Waschgang nicht geleert, und schon ist’s passiert: Sei es das Papiertaschentuch, die Geldnote oder eben das Strandbad-Abi. Jene Kunststoffkarte, welche den Einlass zur schönsten Badeanstalt dem „Thuner Lido“ ermöglicht. Nun, dass sich ein Papiertaschentuch beim Waschgang verabschiedet, ist vielfach erprobt und bekannt. Dass das Geld wieder gewaschen ist und dem Waschgang stand gehalten hat, das haben etliche Personen und auch wirtschaftliche Strukturen erfolgreich demonstriert. Was mich jedoch beim unbeabsichtigten Waschen des Strandbad-Abi erstaunt hat – sie werden es kaum glauben – das Abi hat seine Identität gewechselt. Ich traute meinen Augen nicht, als ich aus der frisch gewaschenen gelben Hose ein neues Abi – ein Abi mit einer veränderten Identität zog. Verunsichert und mit einem prüfenden Blick auf das Waschpulver und dann auf die Waschmaschine klaubte ich weitere Kunststoff-Gegenstände aus dem Hosensack. Hoppla - was war passiert? Der Waschgang bei 40° löste die Kleber auf der Oberfläche meines Abi ab und darunter kam zum Vorschein was ich ungläubig in meinen Händen hielt – eine Saisonkarte der Züri-Badi! Hallo? Züri-Badi? „Wir freuen auf Ihren Besuch“ steht in feinen Lettern geschrieben … Eintritt in 23 verschiedene Frei- und Hallenbäder im Grossraum Zürich – eine wirklich tolle Sache! Nun sind wir also soweit – es reicht ein Schongang bei 40° und Mann Frau mutiert von einem Thuner zu einem Zürcher. So schnell geht das. Ob mit oder ohne Waschgang, überprüfen Sie doch einmal Ihr Strandbad-Abi. „Grüezi, liebe Thunerinnen und lieber Thuner“ – willkommen in der pulsierenden Stadt an der Limmat. Wer’s glaubt oder nicht - machen Sie den Test.

Im Zeitalter, da geistige Mobilität gefordert, ja Bedingung für den Erfolg ist, werden oft schnelle, kaum reife, also auch unüberlegte Lösungen umgesetzt. Was auch immer sich in Thun jene Personen bei der Verwendung der Zürcher Abi gedacht haben, kann ich nicht nachvollziehen. Über diese Tatsache kann ich nur mein persönliches Empfinden zum Ausdruck geben, und dies ist eher negativ und gleichzeitig Sinnbild für das, was sich in Thun auf politischer Ebene abspielt: Anstatt dass eine Sache offen und direkt angesprochen wird, anstatt dass eine echte vielleicht auch harte aber saubere Konfrontation gesucht wird, welche die Sache auf den Punkt bringt, wird mit einem verklemmten, provinzialen Gehabe lieber ein Kleber oder ein Pflaster aufgebracht. Lieber die Wunde zudecken, denn das ist unschön und verkauft sich politisch schlecht. Es ist einfacher Projekte unter einem Pflaster zu verstecken - es verhindert die Einsicht und verunmöglicht damit der Gesellschaft am politischen Leben konstruktiv-kritisch teilzunehmen. Es gibt nur zwei mögliche Erklärungen, ein solches „billiges“ Pflaster anzubringen: Entweder das Produkt ist schlecht oder jene Personen welche dafür verantwortlich zeichnen haben nicht die erforderliche oder wünschenswerte Sensibilität. Wieder einmal mehr. Wie lange noch pflegt und erträgt die Thuner Politik den Schongang? Einen Schongang, welcher das wahre Gesicht der Thuner Führungsprobleme an den Tag bringt? Welches Waschprogramm zeigt hier Wirkung? Die Werte einer Leistung werden immer – früher oder später - sichtbar werden, sei es vom Thema Energie Thun bis hin zum Thuner Strandbad-Abi. Wie lange wollen wir uns noch ein Pflaster auf’s Auge kleben lassen?

Wie auch immer – jedes Produkt hat auch seine Kehrseite. Ich mache mir diese zum Vorteil und geniesse bei meinem nächsten Besuch in Zürich den freien Eintritt in die vielen Badeangebote dieser Grossstadt. Baden Sie mit – „Züridütsch“ ist nicht so schwierig.