Mit dem eigenen Kopf denken

Zeiten der Veränderung stehen an. Der Wind bläst kalt und garstig. Wer sich in der Selbstherrlichkeit sonnt, dessen Zeit ist gezählt. Wer für sein Tun keine Verantwortung übernimmt, wird zur Kasse gebeten. Wer seine Hausaufgaben nicht macht, geht bankrott. Wer nur Verbote und Normen aufstellt, züchtet eine Gesellschaft, die nicht mehr mit dem eigenem Kopf denken kann und den Fortschritt verhindert, indem sie sich selber auf den Füssen steht.

 

Aktuelle Themen, international und regional, aufgeschnappt und hinterfragt - Kurzgeschichten, die den Zeitgeist reflektieren:

 

GRIECHENLAND. Ein einziges kleines Land bringt die EU ins Wanken. Andere Länder werden folgen und mitrütteln. Kleine Länder schwächen die grossen Player wie zB. Deutschland, den wichtigen Handelspartner der Schweiz. Wann stürzt das Kartenhaus EU ein? Nicht spätestens dann, wenn die EU nur noch mit Retten beschäftigt ist und wir in der Bürokratie und Normierung ersticken?

 

ENTLASSUNGEN. Konzerne schreiben Riesengewinne und stellen gleichzeitig Mitarbeitende auf die Strasse. Solche Mechanismen empören. Wie Fische hängen wir gefangen im Finanz-Netz. Hängen wir nicht schon lange in diesem Netz, wollen es aber einfach nicht wahrhaben?

 

LAWINENVERBAUUNG. Die Idee, Solarpanels an die Lawinenschutzeinrichtungen zu hängen sei genial, so die Medienberichte. Können diese Dinger in den Bergen nur an „Lawinenwäscheleinen“ hängen? Wie lange geht es noch bis wir in einem grösseren Rahmen (Flächen) denken und auch handeln können? Wäre hier nicht akut Handlungsbedarf in der Raum- und Energieplanung angesagt? Gibt es eine Energieplanung in der Schweiz?

 

POLIZEIPRÄSENZ. Die Polizeipräsenz bei Fussball- und Eishockeyspielen ist enorm. Die Kosten gehen zu Lasten der Steuerzahler. Wir zahlen und zahlen … und die Jungs verhauen sich in ihrer Freizeit auf Kosten der Gesundheit der Polizisten und zu unseren finanziellen Lasten ihre eigenen und andere „Gringe“. Die Polizei hätte wirklich Gescheiteres zu tun. Setzt die Vernunft nicht dann ein, wenn man den Clubs die finanzielle Verantwortung überträgt? Wie lange gucken wir noch passiv zu?

 

GEFÄNGNIS. Das alte Thuner Gefängnis am Schlosshof soll neu, weil wirtschaftlich interessanter, aufgestockt werden. Erstaunlich, wenn der junge unrühmliche Bau, angelehnt an eine mehrmals veränderte Burgmauer zuerst als „heilig gesprochen“ gilt, dann als Fundament für eine bauliche Aussichtskiste dienen soll. Warum haben wir nicht den Mut, das junge/alte Thuner Gefängnis abzubrechen, um ehrliche und zeitgerechte Bau-Lösungen zu ermöglichen? Wer profitiert hier? Unsere Augen kaum.

 

BIERSPIEL. Im neuen Thuner-Stadion wird das Bier nur an Einheimische ausgeschenkt. Unsere Gäste werden zu Sirup und lauwarmer OVO verdonnert. Muss man denn mittlerweile stockbesoffen sein, damit man den Schweizer Fussball noch ertragen kann? Liegt es am Niveau der Fussballspiele oder an jenem der Fans? Verliert man in der Masse die Eigenverantwortung? Versuchen Sie doch einmal das gleiche zu Hause und schenken Sie ihren Gästen keinen Wein ein. Selber trinken und nicht teilen ist sowieso besser.

 

VERBOT. Neulich habe ich auf unserem privaten Grundstück eine Frau mit Hund angetroffen. Der Hund verrichtete sein Geschäft, die Frau zückte das Säckli. Auf meine Frage, ob sie wisse, dass sie sich in einem privaten Garten befinde, antwortete die Dame mit „ja“. Auf die Nachfrage, warum dass Sie das Grundstück trotzdem betreten habe, antwortete Sie, das Tor habe eben offen gestanden und es sei ja nirgends angeschrieben, dass es verboten sei, den Garten zu betreten. Heute ist also alles erlaubt, was nicht verboten ist - der arme Hund!

 

EIERKÖPFE. Der wurzellose“ Kulturimport Halloween“ hinterlässt auch in Thun Spuren.  Rohe Eier an Fassaden und Autos geschmiert zählen neuerdings auch zu diesem Brauchtum.  Gehören diese Eierköpfe in den Geschichtsunterricht oder in einen Kochkurs?

 

Irgendwie ist unsere Gesellschaft sehr müde und vielfach nicht in der Lage, auf offensichtliche Missstände wirkungsvoll zu reagieren. Um schwierige Aufgaben und Probleme herum baut man lieber einen verfilzten Personenkult auf und versteckt sich im Innern dieser Struktur. Im Zweifelsfall interpretiert man alles nicht Verbotene zu seinem Recht und schneidet sich davon eine dicke Scheibe zu Lasten und Kosten der Gesellschaft ab. Es geht eben einfacher, wenn man sich als Verantwortungsträger verstecken kann, als wenn man sein Gesicht zeigen muss.

 

Mehr  Eigenverantwortung und damit das Tragen der Konsequenzen aus dem eigenen Handeln ist angezeigt. Mit dem eigenen Kopf zu denken und Verantwortung zu übernehmen muss wieder ein menschlicher  Anspruch sein – sonst kriegen wir die „Kurve“ nicht.

 

Matthias Zellweger