Knoten im Seil – Kapitän gesucht
Erfolgreiche Projekte werden durch weitsichtige Kapitäne ausgelöst, geplant und umgesetzt. Erfahrene Kapitäne besitzen eine hohe Fertigkeit in der Seiltechnik durch entsprechendes Fingerspitzengefühl.
Ausgerechnet entlang der Seestrasse gibt es viele Knoten im Seil – diese Knoten lösen sich zur Zeit nicht, denn hier fehlt dieser Kapitän.
In den kommenden Jahren wird entlang der Thuner Seestrasse kräftig investiert. Mehr als 150 Millionen Franken fliessen insgesamt in die Erweiterung des Schadausaal, in das Hotel am Lachenkanal, in die Wohnüberbauung Schadaugärtnerei, in die Sanierung Hofgut Schadau und in die Erweiterung des Gymnasium, etc., … weitere Entwicklungsschritte sind in Planform oder in planenden Köpfen angedacht und werden in absehbaren Jahren folgen; dies am Anfang (in der Rosenau) und am Ende der Seestrasse (im Lachen).
Bauwirtschaftlich ein erfreuliches Ereignis und überdies eine Chance für die Entwicklung der Stadt Thun. Selten in der Geschichte von Thun wird in solch kurzer Zeit auf engstem Raum so viel Interessantes gebaut.
Die Seestrasse als Seil mit vielen Knoten; Diese Strasse bildet einerseits die Lebensader für einen Teil des Dürrenast Wohnquartiers, andererseits übernimmt die Seestrasse die Erschliessungsfunktion zu den attraktiven Angeboten rund um die Schadau. „Das Gesamtbauwerk Seestrasse“ belegt und belebt überdies während den kommenden Baujahren diese Achse mit tausenden von baulichen Zubringerfahrten.
Über eine Bauzeit von 3 Jahren oder 150 Arbeitswochen werden 150 Millionen Franken investiert werden. Notabene 1 Million Franken pro Arbeitswoche. Eine rege und offensichtliche Bautätigkeit wird einsetzen – und das nicht zu aller Freude. Viele Anwohnerinnen und Anwohner stossen sich an den vorhandenen Planungs- Kommunikations- und Parkplatz-Knoten.
Bauten sind Punktereignisse und werden von den Bauverantwortlichen meist mit einer beschäftigten Innensicht und selten mit einer verbindenden Aussensicht abgewickelt. Diese Aussensicht oder übergeordnete Rolle der Entwicklungsplanung, die Prozesssteuerung, die Entwicklungs-Kommunikation und die konstruktive Begleitung der unmittelbar tangierten Bevölkerung ist eine Führungsaufgabe. Ohne Führung bekommen Einzelinteressen die Oberhand und dies ist der Gemeinschaft nicht zuträglich.
Die aktive Führung in diesem Prozess und die persönliche Nähe zur betroffenen Bewohnerschaft im Dürrenast-Quartier ist entscheidend über den Erfolg und entscheidend über die gesellschaftliche Akzeptanz gegenüber diesen Projekten: Vor, während und in der Betriebszeit. Gelingt es nicht, diese Akzeptanz wieder herzustellen, bleibt das Unbehagen und damit der Knoten im Seil.
Dieses Unbehagen zeigt sich in Form von schlechten Abstimmungsergebnissen, Einsprachen zu Bauprojekten und Unmutsäusserungen bei Projektversammlungen. Gesteigert wird dieser Unmut, so die verantwortlichen Personen es verpassen vor Ort anzutreten und gegenüber den Betroffenen Stellung zu nehmen (zB. Info Anwohner Bauprojekt Schadaugärtnerei ohne Vertretung der Stadt Thun).
Grosse Baustellen – in der Bauindustrie wie in der Politik – fordern bei ungenügend geplanten Prozessen ihre „Opfer“. Daraus wächst der sachliche wie gesellschaftliche Schaden.
Aus diesem Schaden entsteht Betroffenheit und daraus die Fragen: Ist den zuständigen Behörden die Auswirkung auf die tangierte Bevölkerung vom Bahnhof bis zum Lachen bewusst? Wieso gelingt es nicht für diesen gewaltigen Entwicklungsschritt ein Kommunikationskonzept, ein Verkehrskonzept, ein Parkplatzkonzept, etc., … zu erstellen? Warum gelingt es nicht, die Auswirkungen dieser Projekte kundenfreundlicher zu steuern? Müsste es nicht das Ziel sein aus den Betroffenen Gewinner der interessanten Situation zu machen? Weiss die eine Hand was die andere Hand tut? Wieso werden solche Grossprojekte nicht mit übergeordneten Projektführungen geleitet welche natürliche Schnittstellen meistern?
Dass diese und noch weitere Fragen im Raum stehen ist das Zeichen einer schwachen Führung sowie einer verzettelten Organisation. Die Zeichen der Zeit und die Chance was mit diesem Gesamtprojekt für Thun erreicht werden kann, ist nur vage erkannt – ansonsten wäre ein entsprechendes Engagement sichtbar.
Es gilt das Grossprojekt Seestrasse – von der Rosenau bis in den Lachen – sicher in den Hafen zu führen. Ein Kapitän ist gefragt – ein Kapitän, der schon mal erst keine Knoten entstehen lässt und die bestehenden Knoten lösen kann.
Matthias Zellweger