Die Echse auf der Moräne
Über lange Zeit war sie herangewachsen, entlang einer grossen Verbindungsachse -überragend und stolz. Auf dem Rücken einer Moräne sitzend, thronte die Echse auf dem warmen Stein - mit überragender Sicht auf ihr Umfeld. In einer lauen Sommernacht, im Jahr 1332, da war alles vorbei. Es kamen die Berner und zerstörten Herrschaft und Gut. Was Mensch und Tier als Stammessitz diente, ging über Nacht verloren - aus - weg. Die Echse war verschwunden. Zuvor hatten Sie lange über das westliche Oberland geherrscht. 1594 verlor sie, was übrig blieb, an Bern. Ausgerechnet an jenes Bern, welches 250 Jahre lang alles zerstört hatte.
Heute ist viel Kraut über die Geschichte gewachsen und deckt die interessante Vergangenheit zu.
Seit 1332 fehlt uns im Süd-Westen der Stadt der intakte Orientierungs- und Identifikationspunkt am Horizont. Wie alle definieren wir unseren Standort damit, indem wir uns an Fixpunkten orientieren; ein Kirchturm, ein Berg, etc. Solche „Objekte“ neigen auch dazu, Identifikationspunkte zu sein. Das Schloss Thun zum Beispiel ist ein solches Identifikationsobjekt. Viele Menschen identifizieren sich über das Schloss mit ihrem Wohnort Thun. Wie würden Sie reagieren, wenn das Schloss Thun eines Morgens nicht mehr da wäre? Abgesehen vom Gwunder, wo das Schloss hin gegangen wäre, würde wohl rasch das Verlangen nach identischem Ersatz laut werden.
Zurück in das Jahr 1332. Wie muss es diesen Menschen damals ergangen sein? Über Nacht wurde ihr Identifikationsobjekt zerstört – und nicht wieder errichtet. Im Wissen um diese Geschichte stellt sich die Frage, wie lange der Gesellschaft das Recht auf die Wiederherstellung des ganzen Identifikationsobjektes ansteht? Erstaunlich und bemerkenswert ist, dass trotz Verlusten in der damaligen Zeit der Name erhalten geblieben ist und einen grossen Teil der heutigen Stadt Thun prägt.
In 14 Jahren wird es 850 Jahre her sein, seit der Name dieser Familie erstmals in den Geschichtsbüchern genannt wurde. Im Jahr 2025 wird man sich an diesem Ort treffen und sich erinnern.
Wäre es nicht ein Versuch wert? Sie wissen schon, den heutigen rund 25‘000 Thunerinnen / Thuner und vorangehenden Namensträgern ihr ursprüngliches Identifikationsobjekt wieder aufzubauen? Heute ist ja alles möglich, es ist ausschliesslich eine Frage des Willens und der Kosten. 14 Jahre – da liesse sich Einiges anstellen.
Als Marquard Wocher 1809 die Skizzen für das Thun-Panorama anfertigte, hatte es noch kein Kraut auf dem Stein, auf welchem einst die Echse wachte. Heute, sieben Generationen später, wuchert es auf dem Hügel.
Geschichte und Vergangenes regt zu freien Gedanken an. Der Gedanke an das Ziel, das Kraut zu entfernen, um die Geschichte freizulegen, fasziniert. Die grosse Echse wieder aufzubauen, nicht in der fragmentartigen Form zu belassen, das tönt spannend.
Werte Leserinnen und Leser aus den Ortsteilen Scherzligen, Dürrenast, Neufeld, Allmendingen, Buchholz, Schoren und Gwatt, was 1332 durch die Berner geschleift wurde und 1920 an die Stadt Thun überging, sollte eigentlich wieder zum Identifikationspunkt aufgebaut werden.
Erfreuen wir uns daran, dass es noch gesellschaftliche Strukturen und Erinnerungen an diese stolze Zeit gibt. Seien wir stolz darauf, dass unsere Vorfahren diese spannende Geschichte in die heutige Zeit getragen haben.
Lassen Sie sich beim nächsten Sonntagsspaziergang auf die südwestlichen Anhöhen von Thun verführen und besuchen Sie den Ort, der einst als stolzes Zentrum einer dominierenden Gesellschaft galt. Denken Sie sich den Hügel von sämtlicher Bewachsung frei - ein Anfang in dieser Sache wurde iniziiert - fühlen Sie sich wie die Echse auf dem grossen Stein und stellen sie sich vor, dass das, was sie heute als Objekt-Fragment noch sehen, der Grösse des Echsen-Kopfes entspricht. Eine eindrückliche Anlage. Herzlich willkommen auf der Strättligburg.
Matthias Zellweger