Der Schatz im Thunersee
Im Thunersee hat es Munition, Fäkalien, Bauschutt und vieles mehr. Die Medien haben darüber berichtet. Die Frage ist erlaubt; Ist dieser See wirklich so schön und zum Trinken fein?
Stellen die 6,8 Kubik-Kilometer Wasser vor unserer Haustür wirkliche eine Chance oder ein Risiko dar? Wissen Sie, was so alles im Thunersee rumliegt? Wie viele Autos, Fahrräder, Segel- Motorschiffe oder Grossschiff? Wie viel persönlich entsorgter Unrat? Wie viel Munition? Woher kommt der Bauschutt und wieso liegt er noch immer dort? Woher das Geschirr? Wie gross sind die grössten Fische im Thunersee? Wie viele Fische gibt es noch im Thunersee? Gibt es ein Seeungeheuer im Thunersee? Gibt es im Thunersee interessante Berglandschaften mit Schluchten und Höhlen? Gibt es einen „Schatz im Thunersee“. Wie lange steht das Wasser im Thuersee, bevor es in die Aare überfliesst? Fragen über Fragen die aufzeigen, dass wir allgemein zu wenig über unseren See wissen.
Der allgemeine Eindruck vom Thunersee ist romantisch verklärt. Der See als optisch grosse Freifläche vor der imposanten Bergkulisse strotzt vor Unschuld und vor Lieblichkeit. Was gibt es doch nicht schöneres als eine frische Seebriese in der Nase und das Steuerruder als Gummi-Boot-Kapitän fest in der Hand?
Haben Sie bei Ihrem letzten “Schwumm“ im Thunersee überlegt, ob das Seegras, welches Sie geglaubt berührt zu haben, gar kein Seegras ist? Könnte es nicht die Finnenoberseite eines Riesenfisches gewesen sein? Ein aufstehendes Armierungseisen oder doch „nur“ etwas Toilettenpapier?
Bewegt oder schwimmt man über unbekannten Gründen, so bindet sich die menschliche Wahrnehmung stark mit einer manchmal übersteigerten Phantasie. Im Flugzeug erleben Sie den selben „Kick“ wenn fremde Motorengeräusche den Puls anheben.
Die Tatsache, dass wir nicht wissen, was alles auf dem Seegrund liegt, kurbelt die freien Gedanken an und erlaubt die Frage, was wir hier alles noch nicht entdeckt haben. Gibt es denn einen Schatz im Thunersee? – oder gibt es nur Bomben?
In meiner Gedankenturnerei respektiere ich auch die Haltung, dass wir nicht das Recht darauf haben, alles zu öffnen oder alles zu entdecken - kribblig spannend bis gruslig unschön ist der Gedanke an die Tiefen des Seegrundes alleweil.
Es ist beruhigend zu wissen, dass über alles was auf dem Seegrund liegt, sich jährlich eine feine, mehrere Millimeter dicke Schicht Schlick aus natürlichem Niederschlag aufbaut. Vornehmlich natürliche Partikel aus den Zubringergewässern bedecken den Seegrund, etwa so, wie die Landschaft von einer feinen Schneedecke lieblich zugedeckt wird … dann ist ja bekanntlich alles „so schön“ wenn es frisch geschneit hat – wohl auch darum, weil alles Unschöne für Momente verdeckt bleibt.
Für einmal erspare ich mir an dieser Stelle einen Exkurs in die Politik - denn auch hier ist Schnee gefallen, welcher allmählich schmilzt und die Resultate der Unzulänglichkeiten an den Tag legt. In zwei Jahren wählen wir in Thun ein neues Parlament … freuen Sie sich auf die Schneeschmelze und achten Sie darauf ... wer sich schon heute eine Schneekanone zu Weihnachten herbeiwünscht …
Im Rahmen von unterschiedlichen Projektarbeiten rund um das Thunersee- und ThunerWasser habe ich trotz allen Vorbehalten unseren See noch mehr zu schätzen gelernt. Er beinhaltet weit mehr interessante Lebewesen, Objekte und geschichtliche Besonderheiten von der Natur- bis zur Kriminalgeschichte die uns nicht bewusst sind. Was wären wir in Thun wohl ohne diesen See? Mit der Beantwortung dieser Frage wird uns die Wichtigkeit – über was wir uns in Thun definieren, bewusster.
Wohl möglich, dass es einen Schatz im Thunersee gibt. Wer weiss, möglicherweise entdecken wir einen solchen, beim Entfernen der diversen Bauschutt-Berge. Die Suche nach diesem materiellen Schatz ist wohl spannend und elektrisierend. Das noch ältere Schiff als die Bellevue? Eine Kiste voller Silbermünzen? Der riesige Fisch? Die Kirchenglocke von Merligen?
Es wäre also durchaus interessant, einmal einen bewussteren Blick auf den Grund dieser riesigen Badewanne zu werfen und mit dem Finger in der Tiefe des Schlicks zu bohren.
Doch; vielleicht sollten wir nicht zu lange nach dem Schatz im Thunersee suchen, sondern vielmehr uns bewusst werden, dass der Thunersee selber einen für uns nicht messbaren Schatz darstellt.
Reservieren Sie sich doch beim nächsten Spaziergang am Thunersee einige Gedanken zum Thema der persönlichen Beziehung zum See und flunkern Sie dabei in Ihrer Phantasie, was sich wohl in der stillen, nachtschwarzen Tiefe befindet.
Wie heisst es doch so treffend; Stille Wasser gründen tief.
Ich wünsche Ihnen ein interessantes Wochenende – in Thun am See.
Matthias Zellweger