Auf der Suche nach dem Zentrum von Thun

Jede Stadt besitzt ein gelebtes Zentrum, einen Ort, aus dem Leben, Aktivität und Wirkung hervorgeht. Eine Stelle, ein räumlicher Bereich, da wir uns zu Hause fühlen,  im Kern der Zwiebel.  Thun, die schönste Provinzstadt am Fusse der Berner Alpen kennt kein Zentrum – oder doch?
Werte Leserinnen und Leser, haben Sie sich schon einmal Gedanken darüber gemacht, wo sich Ihrer Ansicht nach das Zentrum von Thun befindet? Jener Ort in Thun, welcher für Sie Thun bedeutet. Könnten Sie auf einer Stadtkarte ein Kreuz anbringen – wo würden Sie den Bleistift ansetzten?
Die Definition des Zentrums wird vielfältig gedeutet und  ist eine oft subjektive Wahrnehmung, gegeben durch den Standpunkt und die „Blickrichtung“ der betrachtenden Person. Als Zentrum erfahren und gedeutet wird dann die Summe der Wahrnehmungen, welche sich auf einen und denselben Ort fokussieren.
Es ist verständlich, dass der Halbschuhverkäufer z.B. sein Geschäft als das Zentrum der Stadt deutet, der Randenverkäufer seinen Saftladen als Zentrum der Welt erklärt und der  „ellenbogenraus-radiomegalaut-goldketten- und brusthaarteppichzurschauträger-Autofahrer seinen Parkplatz im Bälliz als Ziel- und Ausgangspunkt aller Herrlichkeit empfindet.  Aber eben – Halbschuhe, Gemüse und dröhnende Blechkäfer machen noch kein Zentrum aus, denn wie gelesen; erst die Summe der Wahrnehmung ergibt ein gesellschaftliches Zentrum.
Oft gibt es auch städtebauliche Versuche, die durch eine geeignete räumliche oder verkehrstechnische Gestaltung Leitplanken schaffen, um das Wachsen solcher gesellschaftlicher Zentren zu ermöglichen.  Oft und immer öfter gehen solche Vorhaben „in die Hosen“ – einschlägige Erfahrungen haben wir in Thun mit dem Neubau am Ort des Aarefeld-Schulhauses gemacht oder auch mit dem Verkehrsregime im Bälliz. Prädestinierte Orte, die als Zentren hätten wachsen können, jedoch reglementarisch oder architektonisch „versiechet“ wurden.

Wie immer ist es im „Nachhinein“ einfacher, Zentren zu deuten und zu interpretieren. So ist zum Beispiel der Rathausplatz als solches zu erkennen, nicht zuletzt deswegen, weil die Strassennummerierung sternförmig von diesem Platz ausgeht. Auch das Grabengut mit dem Munimäritplatz war für lange Zeit der Schmelztiegel für treibiges Wirken. Dass sich der Künstler Marquard Wocher vor knapp 200 Jahren auf ein Dach in der Oberen Hauptgasse gesetzt hat und das emsige Markttreiben vor dem Freienhof detailgenau festgehalten hat, kommt auch nicht von ungefähr - der Freienhof war über viele Jahre hinweg das Thuner Zentrum, als Handelsplatz, Warenumschlagsort und gesellschaftlicher Treffpunkt .
Solche Zentren sind heute nicht mehr eindeutig auszumachen. Zu mobil, ungebunden und unverbindlich bewegt sich heute unsere Gesellschaft.  Schnelllebigkeit, Oberflächlichkeit oder modisches Trittbrettfahren verschieben stets und immer geschwinder die wahrnehmbaren Brennpunkte.
Das Zentren wachsen können und auch als solche wahrgenommen werden braucht es über sehr lange Zeit Qualitäten, welche von diesen Orten ausgehen. Es braucht Leistungen, Ereignisse, Begegnungsmöglichkeiten, Schönheiten, Geborgenheit, … ein „Irgendetwas“, das die Menschen dazu motiviert, immer wieder und immer öfter diesen Ort gerne zu besuchen oder zu passieren.
Starten wir doch einmal den Versuch, das Zentrum von Thun neu zu definieren und überlegen wir uns, wo wir heute die Zirkelspitze einstecken würden. Auf dem Mühleplatz? Beim Rathausplatz? Beim Schloss? Am Bahnhof? Im Bälliz?
Ein Zentrum ist auch ein Ort der Stärke, einer Stärke unserer Stadt, die entsprechend positiv nach aussen getragen und vermarktet werden könnte. Da wir nun nicht wissen, wo das Ding liegt, kann es auch nicht vermarktet werden.
Wir suchen das Zentrum von Thun
Starten wir doch einmal den Versuch und fragen öffentlich nach dem Zentrum unserer der Stadt und leiten aus der meistgenannten Stelle das aktuelle Zentrum ab.
Die Aktion (-) „Das Zentrum von Thun“ startet offiziell am kommenden 1. April und endet am 1. Mai 2009.
Wen’s wunder nimmt und beim Start der Zentrumssuche dabei sein möchte, trifft sich zum Apéro am 1. April 2009 um 19:00 im Hotel Freienhof – einem alten Zentrum von Thun.

Herzlich willkommen

Matthias Zellweger